Saat
Saat, 2025
Säen bedeutet Handeln mit Blick auf das, was kommt. Es ist ein bewusster Akt der Verantwortung, des Sorge-Tragens und des Vertrauens. Was wir heute säen, sei es im ökologischen, sozialen oder geistigen Sinn, bestimmt, was morgen wächst. Die Saat ist nicht neutral; sie trägt bereits das Potenzial ihrer Wirkung in sich.
Dieses Motiv greift die Arbeit Saat auf. Sie untersucht die Nachwirkungen und Spuren einer Erziehungs- und Beziehungskultur, deren Folgen sich über Generationen hinweg fortschreiben. Im Fokus stehen dabei nicht nur die strukturellen Bedingungen von Beziehung, Herkunft sowie psychischer Prägung und Traumatisierung durch Erziehung, sondern auch deren gesellschaftliche, historische und familiäre Verwurzelung.
Saat widmet sich der fundamentalsten aller Verbindungen: der Beziehung zwischen Mutter und Kind. Im Zentrum steht kein konkretes Ereignis, sondern ein beständiges Nicht-Erfahren: das Ausbleiben emotionaler Resonanz, das Versagen elementarer Beziehung, die Unmöglichkeit einer sicheren Bindung. Die Mutterrolle und deren Funktionalisierung stehen im Fokus – nicht als emotional zugewandte Bezugsperson, sondern als Disziplinierungsorgan der kommenden Generation. Saat kehrt den introspektiven Blick nach außen, reflektiert transgenerationale Weitergabe sowie kollektive Erinnerung und betrachtet, wie soziale Normen das Private durchdringen und formen.
In der deutschen Nachkriegsgesellschaft war die elterliche Rolle häufig geprägt von emotionaler Unverfügbarkeit, autoritären Erziehungsidealen und einem tief verwurzelten Misstrauen gegenüber Gefühlen. Seit den 1970er-Jahren wird dieses Erbe u. a. unter dem Schlagwort „schwarze Pädagogik“ beforscht. Verkörpert etwa durch Johanna Haarers nationalsozialistischen Erziehungsratgeber Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind (1938), propagierte sie Härte statt Zuwendung: Bindung und Zärtlichkeit galten als Schwäche. Die Nachwirkungen dieser Haltung sind bis heute spürbar.
Die Arbeit untersucht nicht nur den emotionalen Mangel, sie zeigt auch die Verzerrung von Beziehung. Nähe wird nicht als Vertrautheit, sondern als Ambivalenzraum wahrnehmbar, als etwas, das gleichermaßen ersehnt und abgewehrt wird. Erfahrungen dieser Art hinterlassen Spuren im Selbstverständnis und in der Beziehungsfähigkeit; sie sind damit weniger vergangen als gegenwärtig.
Saat widmet sich nicht nur überkommene Erwartungen an weibliche Erziehungsleistung, sondern auch der gesellschaftlichen Organisation von Fürsorge. Zugleich knüpft die Arbeit an die Fortsetzung patriarchaler Rollenzuschreibungen an, indem sie die An- bzw. Abwesenheit mütterlicher Emotionalität nicht individualpsychologisch deutet, sondern als Symptom eines tiefgreifenden sozialen und kulturellen Erbes.
Als Kommentar auf eine kollektive Verfasstheit bleib die Arbeit nicht im Privaten, sondern analysiert das politische Klima: Gesellschaften, in denen Gefühlen misstraut wird, in denen Bindung als Schwäche gilt und Härte als Tugend glorifiziert wird, sind anfällig für autoritär-patriarchale Systeme.
Die Art, wie wir aufgezogen wurden, prägt tiefgreifend und oft unbewusst unsere Vorstellung von Nähe, Freiheit, Gemeinschaft und Macht. Saat zeichnet ein vielschichtiges Bild davon, dass, was als Saat in das Individuum gelegt wird, weiterwirkt.
Daniel Görlich, M.A., studierte Kunstgeschichte sowie Publizistik und Kommunikationswissenschaften an der Freien Universität Berlin. Seine Forschungsinteressen gelten der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts, der Kultur- und Medientheorie sowie den Schnittstellen von Körper, Identität und künstlerischer Selbstpräsentation – mit einem besonderen Fokus auf weibliche und (queer-)feministische Positionen.
Saat, 2025
To sow is to act with the future in mind. A deliberate gesture of responsibility, care, and trust. What we sow today, be it ecologically, socially, or emotionally, determines what will grow tomorrow. The seed is not neutral; it already contains the potential of its future impact.
This is the premise of Saat. It explores the long-term effects and subtle traces of a culture of parenting and relationships, the consequences of which extend across generations. The work not only examines the structural conditions of relationality, origin, psychological imprint, and trauma through parenting, but also their societal, historical, and familial roots.
What lies at its core, is the most fundamental of all bonds: that between mother and child. Rather than a specific event, the series centers on an enduring absence. The lack of emotional resonance, the failure of foundational connection, the impossibility of secure attachment. This maternal role is examined not as a nurturing figure, but as an instrument of discipline for the next generation. Saat turns the introspective gaze outward, reflecting on transgenerational transmission and collective memory, exploring the tension between personal experience and social norms.
In postwar Germany, parenting was often marked by emotional unavailability, authoritarian ideals, and a deep-seated mistrust of emotions. Since the 1970s, this legacy has been studied under the term “Schwarze Pädagogik”, an academic term that literally translates to „black pedagogy“ and captures the harsh educational values promoted, for example, in Johanna Haarer's 1938 Nazi parenting manual Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind (The German Mother and Her First Child). It idealized toughness over tenderness; affection and bonding were seen as weaknesses. The echoes of this legacy remain present today.
The work examines not only emotional deprivation, but also the distortion of relationship itself. Closeness is not portrayed as intimacy, but as a space of ambivalence – something both deeply desired and fiercely resisted. Such experiences leave lasting imprints on self-perception and relational capacity; they are not merely past but profoundly present.
Saat also questions outdated expectations of female caregiving and critiques the societal structures that organize care. It challenges the persistence of patriarchal role models by interpreting the presence (or absence) of maternal emotionality not as an individual psychological phenomenon, but as a symptom of a deep-rooted social and cultural inheritance.
As a reflection on collective experience, Saat does not remain confined to the private. It interrogates the political climate: societies that mistrust emotion, view attachment as weakness, and glorify hardness are especially vulnerable to authoritarian and patriarchal systems.
The way we were raised shapes, profoundly and often unconsciously, our ideas of closeness, freedom, community, and power. Saat draws a multifaceted image of how what is sown into the individual continues to exert influence.
Daniel Görlich, M.A., studied Art History as well as Media and Communication Studies at Freie Universität Berlin. His research interests include 20th and 21st century art, cultural and media theory and the intersections of body, identity and artistic self-representation – with a particular focus on female and (queer) feminist positions.